Lebenskunst ist doch keine Kunst ‒ oder doch!?

September 2021

Es ist natürlich kein Zufall, sondern die Weisheit der Sprache, dass im Wort «Lebenskünstler» der «Künstler» bereits enthalten ist. Denn Künstler gestalten, sie machen gezielt von ihrer Kreativität Gebrauch und erschaffen aus etwas Unsichtbarem etwas Sichtbares. Sie schaffen ein Kunstwerk. Es ist dies derselbe Schöpfungsprozess wie beim bewussten Gestalten des eigenen Lebens. Wir geben dem Nicht-Sichtbaren, der Idee, eine Form. Und auch das Resultat ist dasselbe: ein Kunstwerk. Wenn wir gestalten, sind wir kreativ. Lebenskünstler lieben es, ihrer Kreativität grosszügig und frei Ausdruck zu verleihen.

Das Spektrum an Vorstellungen zur Lebenskunst reicht vom unbeschwerten Lebensgenuss, dem leichtfüssigen Savoir-vivre, über den souveränen Umgang mit Herausforderungen bis hin zum Anspruch, das eigene Leben als Kunstwerk zu gestalten. Immer aber gehört zur Lebenskunst die Fähigkeit, die eigenen Lebensumstände wahrzunehmen, zu reflektieren und die Lebensführung im Rahmen der Möglichkeiten persönlich zu gestalten.

Die Kunst der Lebenskunst besteht darin, der Existenz Form zu verleihen. Das Leben als Stoff zu betrachten, den man jeden Tag neu wie in einem Kunstprozess gestalten kann, das eröffnet uns die Möglichkeit, im Alltag kreativ und schöpferisch zu sein. Kreativität ist die Kraft, die Neues ins Leben ruft. Kreativität ist Schöpferkraft.

Leben ist immer auf dem Sprung, auf dem Sprung zu neuem Leben, auf dem Sprung zu mehr Leben. Und dieses Mehr an Leben, das schafft Kreativität. Kreativität ist die Kraft, die aus Möglichkeiten Wirklichkeiten macht. Unsere Schöpfung ist ein Spiel der ewig gestaltenden Schöpferkraft. Und wir sind jederzeit mittendrin in diesem kreativen Lebensstrom. Brauchen ihn also «nur» anzuzapfen, brauchen ihn «nur» mitzugestalten. Zugegeben, wir können uns auch einfach so treiben lassen, passiv sein und leiden. Oder aber wir gestalten aktiv und bewusst mit. Lebenskünstler haben ein Flair fürs Gestalten, ein Händchen fürs Kreative.

Die Weisheit der Sprache zum Zweiten: Der Volksmund spricht davon, dass jedermann seines eigenen Glückes Schmied ist. Dabei hat es aber die gendergerechte Form noch nicht in den Volksmund geschafft, sie gilt aber nicht weniger, denn nicht nur jedermann, sondern auch jede Frau ist ihres eigenen Glückes Schmiedin. Aber egal, ob männliche oder weibliche Ausdrucksweise, diese Art geistiges Handwerk, nämlich Glücks-Schmied/Schmiedin zu sein, ist eine ständige Herausforderung. Die Herausforderung besteht darin, sein Leben bewusst zu führen, nicht bloss dahinzuleben, zu existieren, oder gar nur zu funktionieren.

«Und ich mach mein Ding, egal was auch die andern labern», heisst es in einem Song von Udo Lindenberg. Lebenskünstler sind sich auch bewusst, welche Impulse aus dem eigenen Herzen kommen und welche Erwartungen von aussen an sie herangetragen werden. Dabei geht es nicht darum, keine äusseren Erwartungen mehr zu erfüllen, sondern es immer bewusst zu tun. «Stimmt es, stimmt es nicht?», ‒ diese Fragen leiten Lebens-Gestalter und Lebens-Gestalterinnen zu einer klaren und freudigen Lebensführung. Wilhelm Schmid, der wohl bekannteste Glücks- und Lebenskunst-Philosoph unserer Tage hat mit seinem prägnanten Verbal-Kick das Schlusswort:

 

«Gestalte Dein Leben so, dass es bejahenswert ist!»